Die ersten Wörter schreiben, plus und minus rechnen, sexuelle Vielfalt
kennenlernen – Unterrichtsstoff unserer Erstklässler! Konkreter: Der König
heiratet einen König, Onkel Tommy küsst einen Mann, Emily hat zwei Mamis,
der Rabe mit dem goldenen Federkleid ist vermutlich transsexuell...
Montag startet Bildungssenator Jürgen Zöllner
(65, SPD) eine neue Aufklärungskampagne, die sich an Schüler
verschiedener Altersklassen, Eltern und Lehrer richtet. Bestandteil: ein
Themen-Koffer mit 25 Bilderbüchern und einem Memory-Spiel, gedacht für
Grundschulkinder ab fünf Jahren.
„Wir zeigen alles, was heute Realität ist“
In den Märchen und Geschichten wird Anderssein, Brechen mit
Rollen-Klischees, unkonventionelles Zusammenleben thematisiert. Im
Mittelpunkt: Kinder, die in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften
aufwachsen, deren Eltern Grufties sind oder die von Oma und Opa
großgezogen werden.
„Wir zeigen alles, was heute Realität ist“, sagt Conny Kempe-Schälicke
(45), Leiterin der Initiative. Sie betont: „Homosexualität soll dabei
nicht herausgestellt werden. Vielmehr geht es um Vielfalt. Weg von der
klassischen Vater-Mutter-Kind-Familie, hin zu Modellen, in denen Kindern
auch glücklich sein können. Denn das Einzige, was wichtig ist, ist eine
liebevolle Umgebung.“
„Bewusst für eine sexuelle Identität entscheiden“
Die Botschaft der Kampagne: Jede Lebensform soll wertgeschätzt werden!
„Das muss man Kindern in diesem frühen Alter beibringen, wenn sie gerade
lernen, wie Gesellschaft funktioniert“, so Kempe-Schälicke.
Kinder sollten sich Gedanken darüber machen, „wie es ist, wenn man
nicht genau weiß, ob man männlich oder weiblich ist. Als Jugendliche
können sie sich dann bewusst für eine sexuelle Identität entscheiden, so
wie für eine Religion“.
Ursprung der Initiative ist ein Senatsbeschluss von 2009, der zum Ziel
hat, Diskriminierung wegen sexueller Identität und damit Ausgrenzung und
Gewalt zu verhindern.
„Geläufig sind unter Jugendlichen negativ benutzte, sexuelle Begriffe,
zum Beispiel ‚jemand ist schwul’. Viele Lehrer sind stark verunsichert,
wie sie darauf angemessen reagieren“, sagt Kempe-Schälicke. Deshalb hat
die Initiative Handlungsanweisungen für Lehrer entwickelt, aber auch für
gemobbte Schüler und sogar für Täter („Auch wenn du eine Person nicht
leiden kannst – du hast nicht das Recht, sie zu verletzen“).
„Homosexualität ist nicht ansteckend!“
Ein weiterer Teil der Kampagne „Sexuelle Vielfalt“: Ein Eltern-Brief,
der über Homosexualität aufklärt und zum Respekt aufruft, speziell bei den
eigenen Kindern, verfasst auch in türkischer und arabischer Sprache.
Zitat: „Homosexualität ist nicht ansteckend. Ihr Kind wird nicht
lesbisch bzw. schwul, wenn es sich mit diesem Thema beschäftigt.“ Alles
abrufbar im Internet, auf der Webseite des Bildungsservers
Berlin-Brandenburg. Auch Materialen zur Aufklärung von Jugendlichen, mit
denen der Verein Gladt e.V. an Oberschulen arbeitet, die sehr weit gehen.
So werden Jugendliche aufgefordert, Begriffe pantomimisch darzustellen
wie: „Selbstbefriedigung“, „zu früh kommen“, „Orgasmus“, „Darkroom“.
Selbstbefriedigung pantomimisch darstellen
Vereins-Mitarbeiter erteilen Aufträge für Rollenspiele: „Du bist Kemal,
25 Jahre. Du willst mit deinem Freund eine eingetragene
Lebenspartnerschaft eingehen. Heute wollt ihr es deiner Mutter erzählen.“
Teilnehmer sollen leere Sprechblasen in Comic-Strips ausfüllen, in denen
Coming-out-Szenen dargestellt sind.
Conny Kempe-Schälicke: „Die Jugendlichen sollen sich damit
auseinandersetzen, dass das ganze Leben von Homosexuellen ein
fortwährendes Outing ist.“
Bildungs-Experten sehen die Aufklärungs-Bemühungen des Senats
zwiespältig. „Die Materialen für Grundschüler sind kindgerecht und
sinnvoll“, sagt Sascha Steuer (36), schulpolitischer Sprecher der CDU.
„Eine pantomimische Darstellung von Selbstbefriedigung gehört jedoch nicht
an die Schule.“
Quelle: BZ, 20.6.2011